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Expedition Kaiser - Franz - Josef - Land

Autor: Text: Dr. Frank Sistenich, Fotos: Dr. Frank Sistenich, TRAVELLERstyle international - Europa: Nordeuropa

Eine Reise mit dem Eisbrecher auf das Dach der Welt. Ab dem Sommer werden Kreuzfahrten zum nördlichsten Archipel regelmäßig angeboten

 „Land in Sicht!“ Heute, wie bereits zu seiner Entdeckung am 30.8.1873, wird der Ausruf der Freude die Sichtung der ersten Inseln des Franz-Josef-Lands nach Tagen auf hoher See im Nordmeer begleiten. Zwei Österreicher, Karl Weyprecht und Julius Payer, kamen seinerzeit auf die kühne Idee, mit einer k.u.k. Expedition zum Nordpol aufzubrechen. Doch sie blieben mit ihrem Schiff, der ‚Admiral Tegetthoff‘ im Eis stecken, mussten überwintern und entdeckten so zufällig auf der Höhe des heutigen Kap Tegetthoff den nördlichsten Archipel der Welt. Den Kaiser daheim in Wien soll es trotzdem gefreut haben.

Eisb__rklein2.jpgNoch immer zeugen die Namen der Inseln wie ‚Wiener Neustadt‘ oder ‚Kap Tirol‘ von der Heimatverbundenheit ihrer Entdecker. Territoriale Ansprüche hat Kaiser Franz-Josef I von Österreich aber nie angemeldet, so dass der Archipel im Jahr 1926 von Russland kurzer Hand annektiert und sukzessive kartographiert wurde. Lebensrettend waren die Inseln zudem für Fridtjof Nansen. Der Norweger ließ sich mit seinem Schiff ‚Fram‘ bewusst im Packeis einschließen und hoffte, die Eistrifft führe ihn als ersten Menschen bis zum Nordpol. Leider ging auch dieser Plan gründlich schief. Nansen stieg aus, lief zu Fuß weiter, ohne den Pol je zu erreichen und konnte auf seinem Rückweg 1895 auf Kap Norwegen überwintern. Der Reiz einer Reise in die russische Hocharktis liegt für die Freunde von Expeditionskreuzfahrten aber nicht nur in den Gründen historischer Spurensuche.

Tichaiaklein.jpgIm Unterschied zu anderen Gebieten der Arktis, wie z.B. Spitzbergen, profitiert Franz-Josefs-Land nicht mehr vom Einfluss des milden Golfstroms. Flora und Fauna sind einem rauen Klima unterworfen und der Zugang zu den natürlichen Lebensräumen von Eisbären, Walrössern und Elfenbeinmöwen auf engem Raum ist einmalig. Kreuzfahrten zum Franz-Josef-Land werden seit dem vergangenen Jahr für den deutschsprachigen Markt durch den Eisbrecher Kapitan Dranytsin regelmäßig im Sommer angeboten und ab dem kommenden Jahr weiter ausgebaut.

Auf den Spuren der großen Entdecker

Ivory_gullklein.jpgEinschiffung für die 91 Passagiere ist in Murmansk, der nördlichste Hafen Russlands und durch seine Lage an der Kola Halbinsel das ganze Jahr über eisfrei. Zum Glück zeigt sich der überwiegende Teil der Hobbyabenteurer expeditionserprobt und hat die Hinweise des Veranstalters ernst genommen. Wasserdichte Parkas und Hosen sind für die Anlandungen auf den Inseln in den mitgeführten Zodiacs Pflicht, Gummistiefel für jeden stellt das Schiff parat. „Wenn die Witterung es zulässt, versuchen wir an allen historischen Stätten anzulanden“ erzählt der Geologe Sepp Friedhuber. Er ist Expeditionsleiter an Bord und natürlich Österreicher. „Franz-Josefs-Land gilt immer noch als Geheimtipp, da die Inseln erst mit der Öffnung Russlands für den internationalen Tourismus vor knapp zwanzig Jahren freigegeben wurden und nur binnen weniger Wochen im Hochsommer hier auf 81 Grad Nord operiert werden kann“ ergänzt der erfahrende Lektor. Während sich die Passagiere mit dem Innenleben eines Eisbrechers vertraut machen, studiert Friedhuber bereits Eiskarten mit dem Kapitän für die ersten Anlandungen 2 Tage später.

an_Deckklein2.jpgDer Archipel besteht aus 191 Inseln, umfasst eine Weite von 16.000 Quadratkilometern und ist in etwa mit der Größe der Schweiz, Thüringens oder Schleswig-Holsteins vergleichbar. Erst im Jahr 1994 wurde Franz-Josef-Land zum Teil des russischen Nationalparks der Arktis mit seiner Gesamtfläche von 42.000 Quadratkilometern erklärt. Auch deshalb sind Reisen hier hinauf selten und mit nicht zu unterschätzendem behördlichen Aufwand für die Veranstalter verbunden. Die Inseln erstrecken sich zwischen 79.46 Grad und 81.51 Grad nördlicher Breite und weisen eine Nord-Süd Ausdehnung von 230 km sowie eine West-Ost Ausdehnung von 375 km auf.

Gegen Mitternacht, die Sonne steht noch immer über dem Horizont, heißt es „Leinen los“ und nach knapp zwei Tagen stiller Fahrt über die Barentssee erreichen wir den Archipel. Die Kapitan Dranytsin unterscheidet sich von anderen Expeditionskreuzern nicht nur durch die höhere Eisklasse des Eisbrechers, sondern auch durch die mitgeführten Hubschrauber. Zodiacs gehören zur klassischen Ausstattung von allen Expeditionsschiffen. Von nun an gilt es, Daumen zu drücken, denn auf kaum einer polaren Expedition sind die Anlandungen mit den Zodiacs oder den Helikoptern derart ungewiss wie hier. „Driftendes Packeis und dichte Nebelbänke stehen im Hochsommer auf der Tagesordnung im arktischen Geschäft“ weiß Christoph Höbenreich, der als Alpinist und Lektor die Reise begleitet und selbst den Archipel auf Skiern vor einigen Jahren durchquert hat. Von daher ist nicht immer garantiert, die Höhepunkte auf Franz-Josef-Land während einer einzigen Expedition alle gemeinsam besuchen zu können; binnen Minuten ändern sich die Wetterbedingungen für die Anlandungen. Im letzten Sommer gab es zwar viel Eis, aber auch ebenso viel Glück, so dass kaum umdisponiert werden musste.

Champklein2.jpgKap Flora im Südwesten ist meist die erste Station. Wir nutzen Windstille und die schwache Brandung, um alle Gäste mit den Zodiacs bis an den dunklen Kiesstrand zu fahren. Der Felsen mit seinen abertausenden brütenden Vogelpaaren bietet eine üppige Vegetation und erlang im Jahr 1896 als zufällige Begegnungsstätte zwischen den Abenteurern Nansen und Jackson, der eine englische Expedition zur gleichen Zeit leitete, Berühmtheit. Nur kurz in den frühen Sommerwochen des Monats Juli blüht die Flora und ist in Ihrer kargen Schönheit ein buntes Geheimnis.
Unser nächstes Ziel ist Kap Norwegen mit seinen Resten der historischen Überwinterungsstelle Nansens als nördlichster Teil des Reise; Schneestürme und eine einfallende Nebelbank erschweren die Sicht auf eine Denkmalsplakette,  die vor Ort an den berühmten Pionier erinnert. Auch die ehemalige russische Forschungsstation in der Tichaia Bucht, genutzt in den Jahren 1929-1959, kann besichtigt werden und sollte bei jeder Expedition auf der Agenda stehen. Der uns erwartende Eisgürtel in der Bucht ist derart fest, dass eine Anlandung mit den Zodiacs nicht zu schaffen wäre und uns daher die Hubschrauber auf die alte russische Station fliegen.

Tegetthoffklein.jpgVladimir Putins Besuch auf den Inseln im April 2011 und sein Versprechen, Franz-Josef-Land vom Zivilisationsmüll alter Forschungs- und Militärstationen säubern zu lassen, hat den Archipel geadelt und in die Medien gebracht. Seit letztem Jahr ist die Tichaia Bucht somit erstmals wieder nach 1959 den Sommer über bewohnt und mit den ersten Aufräumarbeiten wurde bereits begonnen. Uns aber zieht es weiter in den südöstlichen Teil der Inseln und schon von Weitem ist das optische Wahrzeichen des ganzen Archipels dank des ausgezeichneten Wetters zu erkennen:

Rubiniklein.jpgDie beiden hohen Basaltschlote des Kap Tegetthoff. Nachdem ein Erkundungsflug mit dem Hubschrauber keine Eisbären in der Nähe erkennen lässt, steht dem Einsatz der Zodiacs für den Besuch des Kaps nichts mehr im Wege. Sepp Friedhuber ist glücklich, allen Gäste bei Sonnenschein die Schönheit dieser Landzunge zeigen zu können. Wanderungen stehen an und eine kleine Gruppe der Passagiere macht sich auf, die umstehenden Gipfel zu erkunden. Ein anderer Teil verweilt am Kap und besichtigt die Überreste verfallener Holzhütten aus der Zeit der großen Entdecker.

Kap_Floraklein.jpgVorlesungen der Lektoren an Bord führen nicht nur in die teils dramatisch bewegende Vergangenheit des Archipels, sondern zeigen auch die geologische Besonderheit der vulkanischen Landschaft. Auf der Champ Insel warten bis zu 250 Millionen Jahre alte Kongretionen auf ihre staunenden Besucher. Diese sedimentierten Steinkugeln sind in solcher Größe nirgends auf der Welt zu finden, außer eben auf Franz-Josef-Land; Sepp Friedhuber hat als Lektor eine Sternstunde.

Kap_Norwegenklein2.jpgWalrosse begleiten auf ihren schwimmenden Eisschollen vor der Apolonov Insel die Zodiacfahrt und Eisbären finden mehrmals täglich ihren Weg zum Schiff, das sich dank seiner 24.000 PS langsam gleitend seine Eisbahn bricht. Um sich dem Anblick dieser Tiere widmen zu können, beschließt der Kapitän, das Schiff nachts bewusst einzufrieren und bis zum nächsten Morgen still zu stehen. Geduld heißt nun die Devise.

Expeditionklein5_1.jpgDie Tiere kennen im Nationalpark keine Feinde und sind neugierig. Ob sie der Hunger in den folgenden Stunden bis an die Bordwand heran getrieben hat? Die Bären kommen näher, richten sich auf und hoffen, einen Blick auf die Decks werfen zu können. Da die Sonne auch in den frühen Morgenstunden noch immer hoch am Firmament steht, muss die Nachtruhe Dank der Eisbären diesmal entfallen, zu sehr lohnen die besonderen Augenblicke der Nähe mit diesen schönen und zugleich gefährlichen Tieren.

Mitternacht_in_der_Arktisklein.jpgDas Reisepotenzial in der russischen Arktis ist ebenso groß wie deren räumliche Ausdehnung. Die Kapitan Dranytsin bietet im Juli gleich zwei Fahrten an. Ein Besuch des Kaiser Franz-Josef-Lands wird aber auch künftig auf die wenigen Sommerwochen der arktischen Mitternachtssonne limitiert bleiben. Hoffen wir, dass sich die Wettergötter wiederum in guter Laune zeigen, wenn die Vögel der begrünten Felsen des Kap Flora die Schiffe willkommen heißen und die Geschichte sich fortschreibt für die Gäste mit ihren Ferngläsern in der Hand hoch oben an Deck: „Land in Sicht!“

Information:
www.ikarus.com


 

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